Die Geschichte von Paleochora

Über Paleochora von Nicolaos Pyrowolakis (Lehrer) - (verstorben 1998)

Paleochora ist eine Kleinstadt am Meeresufer und befindet sieh im Südwesten des Kreises Chanias. Es ist der Sitz der gleichnamigen Gemeinde des Bezirkes Selino. Zur Gemeinde Paleochoras zählen ebenfalls die Dörfer: Anidri, Asogires, Asfendiles, Achladiakes, Platanes, Prodromi, Kalamos, VIthias, Spaniakos, Wassilaki und Agia Trianda. Paleochora hat den natürlichen Vorzug, zwischen zwei Buchten erbaut worden zu sein, der östlichen und der westlichen. Die kleinere Halbinsel, auf der es liegt, ist ein Ausläufer der dahinterliegenden, es vor den zeitweise starken Nordwinden den bekannten ,,Meltemia" - schützenden, Berge. Diese Berge, die sich nördlich von Paleochora erstrecken, stechen nicht auf Grund ihrer Höhe (300 m) hervor; sie besitzen allerdings eine ganz eigene Grazie und Schönheit und bereichern somit das natürliche Bild der Umgebung. Was nämlich der Besucher zuerst bewundert, sind die Höhenzüge, unterschiedlich in Höhe und Form, mit der Niedrigvegetation wohlriechender Sträucher und Pflanzen. Für den Paleochorabesucher führt die Fahrt von dieser seltenen, irgendwie wilden Landschaft in die sich sanft verbreiternde Ebene von Paleochora. Sie wird asymmetrisch eingegrenzt und bestimmt vom Libyschen Meer. Der Weststrand endet an einem schönen, künstlich angelegten Hafen im Landschaftsteil ,Tigani" (Pfanne), wo der Leuchtturm auf einer Felseninsel über den Kurs der Schiffe wacht, die nach Gibraltar fahren oder entgegengesetzt in Richtung Suez-Kanal. Weiterführung dieses Küstenstreifens ist der Sandstrand, ,Pachiamo" genannt, der für Paleochora erwähnenswert ist. Dieser saubere Strand, an dem die blaue Flagge beständig weht, lädt in den Sommermonaten Tausende zum Baden ein. Seine große Ausdehnung, der saubere und heiße Sand, sind genau das, was die Sommerfrischler brauchen. Nackte Körper in allen Farben, so viele wie die Sonnenschirme, die sie überschatten, junge und ältere, gutgebaute und von den Jahren gezeichnete, ruhen sich hier aus und winden sich behaglich unter den warmen Strahlen der Sonne. Beneidenswerte Stunden des Ausruhens, der Erholung und des Rückerinnerns. Die grünen Tamarisken, die den Sand umsäumen, erwarten einen in den heißen Mittagsstunden zu einem Erfrischungsgetränk in ihrem Schatten. Die östliche Bucht sieht anders aus, unterscheidet sich, so daß man meinen könnte, sie wäre Meilen von der ersteren entfernt. Die Steine und Felsen ergeben eine typisch griechische Landschaft. Das ihr gegenüberliegende Bergmassiv der Lefka Ori (der weißen Berge) scheidet unseren Bezirk vom Bezirk Sfakia. Die Kaimauer, die sich in dieser Bucht befindet, dient zur Beförderung der Fremden, die Sougia, Agia Roumeli, Loutro, Chora Sfakion oder Elafonissi besichtigen wollen. Diese kleinen Bootsreisen mit bequemen und günstigen Passierbooten, die der Ort einsetzt, geben Gelegenheit zu einem wirklich schönen und originellen Ausflug. Der Kurs verläuft immer parallel zur Südküste dieses Gebietes. In ihrer seltenen Schönheit und ihrer großen Vielfalt sind die Naturschönheiten einzigartig. Man fühlt sich allem Obenerwähnten so nahe, da man nicht nur die Gelegenheit hat, es zu bewundern, sondern auch alles eingehend, Meter für Meter, zu betrachten. Viele Küstenstreifen sind steil abfallend, mit nackten Felsen, bizarren Formen, Höhlen und wilder Freilandschaft, kleinen Buchten mit unberührtem Sand, einladend, mit seltener Flora; Landschaften, auf die nur die Vögel, die kretische Gemse und die Fischer ein Anrecht haben. Diese Halbinsel von Paleochora, mit der ihr eigenen Form, verläuft weiter in Richtung Südwesten und umrundet eine unfruchtbare, trockene Landzunge, die ihr das charakteristische Aussehen verleiht. Hierauf wurde eine alte venezianische Wehrlage erbaut, von der später noch die Rede sein wird.

Das Klima - die Wetterbedingungen

Klimatisch gesehen ist Paleochora ein idealer Aufenthaltsort, eine Besonderheit an der Südküste Kretas. Die Besucher reden immer mit viel Begeisterung von ihrer Begegnung mit diesem wahrhaft gesegneten Ort. Man kann schwerlich angenehmeres Klima und noch reizendere Strände finden. Das ganze Jahr hindurch herrschen hier die angenehmsten klimatischen Bedingungen vor. Man könnte sagen, daß sich an diesem Platz, an dem man Eiseskälte nicht kennt, das Leben des Menschen erwärmt. Es ist ein idealer Platz nicht nur für den Sommerurlaub, sondern auch für die Überwinterung. Von Anfang Mai bis Ende Oktober ist das Klima in Paleochora höchst angenehm, und die Meerestemperaturen im Mai und im Oktober sind höher, als die der nördlichen europäischen Länder im Juli und August. Der Winter ist mild. Die Höhe der Niederschläge beträgt zwischen 400 bis 450 mm pro Jahr. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 19,5 FC, die Höchsttemperatur bei 41,5 FC und die Tiefsttemperatur bei 6-7 FC. Die Durschnittstemperatur von Paleochora liegt etwas über der des schon längst touristischen Gebietes des Mittelmeers, der Cote d'Azure-Riviera. Demzufolge hatte also Apollon, der Gott der Sonne und des Lichtes Recht, daß er, der Mythologie entsprechend, als treuer Liebhaber der schönen Nymphe, die im Süden Kretas lebte, diese noch nicht einmal in den kälteren Tagen des Winters verließ. Zu Recht erhielt Paleochora den Namen Nymphe des ,,offenen Meeres" und Land der Sonne. Die Luft ist aufgrund der Lufttrockenheit sehr klar (durchschnittlicher Feuchtigkeitswert 15) und der Himmel strahlend blau. Man zählt 44 bewölkte Tage im Gegensatz zu 57 in Athen. Die Meerestemperatur bleibt den ganzen Winter über hoch genug, daß man auch in den Wintermonaten im Meer baden kann. Die Strände und Küsten, die in den Buchten liegen, die Paleochora fast gänzlich umgeben, haben die ihnen eigene Farbe, Zauber und Schönheit. Wenn man von hoch oben diese graphischen Strände erblickt, erstaunt einen am meisten die unendliche Weite dieser blauen Farbe. Man kann kaum den Horizont erkennen! So zart ist der Übergang vom Meer in den blauen Himmel! Die Fülle dieser Farben und Schattierungen, besonders im flachen Wasser, schaffen eine traumhafte Tiefe. Man ist tatsächlich hingerissen beim Betrachten dieser vielfältigen und stillen Welt der Meerestiefen. Der goldene Sand, die vielfarbigen Kiesel und die verschiedenen Farben, die Felsen, die trägen Bewegungen der kleinen Fische, die Schatten, die auf den goldenen Sand fallen, erinnern einen an Lebensformen und seltene Landschaften, als der Mensch noch nicht eingriff und veränderte.

Wie Paleochora zu seinem Namen kam

Wie uns bekannt ist, hieß das Gebiet des heutigen Paleochoras seit der venezianischen Epoche Selino Kastelli, auf Grund des venezianischen Kastells. Diese Bezeichnung des Kastells gab dem ganzen Bezirk, der zuvor ORIMA (in den Bergen liegend) hieß, den Namen Selino. 1834 besichtigte der englische Reisende Robert Pashley die venezianische Festung und berichtete uns, daß er um diese herum nur auf Ruinen gestoßen sei, und der Ort völlig unbewohnt gewesen sei. Es gab nur ein Gebäude (Lager), in dem man Getreide aufbewahrte, das hauptsächlich aus Chania kam. Dieses Getreide diente der Versorgung der Bewohner von Selino und Sfakia. Während seines Besuches hier an unserem Ort (27.4.1834) weist er auf die Überreste einer alten Stadt hin. Und er sagt und wörtlich: ,,Nachdem wir um Viertel nach Neun von Selino Kasteli weggegangen waren, überquerten wir den Fluß, der eine halbe Meile östlich liegt. Der Boden rundum ist von Tonscherben bedeckt. Das einzige Material, das auf die Existenz einer antiken Stadt hindeutet.' Ich habe auch Hinweise erhalten, daß alte Bewohner von Paleochora an dieser Stelle beim Pflügen auf verschieden Münzen gestoßen sind. Der Reisende de Faure Paul geht ganz klar davon aus, daß die Ortschaft wahrscheinlich auf den Trümmern der antiken Stadt ,Kalamidi" erbaut worden ist. Da also Paleochora in der Nähe einer antiken, zerfallenen Stadt wiedererbaut wurde, wurde ihm dieser Ortsname gegeben. Es stellt sich jetzt die Frage, welche von den 40 Städten, die Plinius niedergeschrieben hat, es ist. Über dieses Thema gibt es verschiedene Auslegungen . 1.Auslegung: In den ,,Stationen", das Buch eines unbekannten Kretareisenden, wird uns versichert, daß die antike Stadt Kalamidi westlich von Lissos und 30 Stadien (1 Stadion = 185,2 m) entfernt von der Vorderansicht von Krio" (Felsenzunge am Ende des heutigen Kounduras) und der Flußmündung des Flusses Strato, dem heutigen Fluß von Vlithias, entfernt lag. Pashley wird deutlicher und schreibt wörtlich: ,Wenn wir also davon ausgehen, daß hier eine antike Stelle ist, dann könnten wir annehmen, daß Kalamidi diese Fläche einnahm." 2. Auslegung: Die Scherben der Tongefäße, die Münzen und ganz allgemein alle Funde, die nordöstlich des heutigen Paleochoras in einer Entfernung von etwa 500 m gemacht wurden, könnten auch zu den Überbleibseln eine venezianischen ,Borgo" gehört haben (= eine kleine Stadt des Dorfes), der außerhalb der Burgmauern lag. Wenn man die lokale Geschichte studiert, erweist es sich, daß die genaue Lage der antiken Stadt Kalamidi Zweifel offen läßt. Von manchen wird sie nördlich des Dorfes Agia Triande, in ,,Furnika" geglaubt, wo man in Felsen gehauene Gräber und, davon etwa 300 Schritte entfernt, alte Mauern sichergestellt hat. Wenn man jedoch das umliegende Gebiet im Detail betrachtet, stellt man fest, daß die Bodenbeschaffenheit, das zum Anbau zu kleine und zu unfruchtbare Gebiet und der Wassermangel nicht gerade für die Existenz einer blühenden Stadt sprechen. Ein betagter Einwohner dieser Umgebung behauptet, daß hier schon seit jeher Wasserarmut herrschte, und er beim Pflügen auf die Überreste eines sehr alten Wasserleitungssystems gestoßen sei, das viel weiter unterhalb lag. Das zeigt uns, daß die damaligen Menschen versucht haben, Wasser ins Dorf zu leiten, in dem die Überreste der Stadt stehen. Im Gegensatz dazu gilt die Meinung von Historikern und fremden Reisenden (Faure Paul, Pashley) als vorherrschend, daß sich die Stadt Kalamidi in der Nähe des Meeres befand und wie zuvor erwähnt nordöstlich von Paleochora und in der Nähe einer flachen Flußlandschaft lag. Genau wie Sougia ein Hafen von Eliros war, Sougia kleine Stadt Kretas, Hafen von Eliros" (Stefanos Wysantios), so nimmt man an, daß die Stadt Kalamidi als Hafen des antiken Kandanos fungierte. All das bezeugt uns, daß die Stadt Selino Kastelli keine antike Stadt war. Vielmehr erhielt Paleochora erst viel später seinen Namen von denen, die sich später hier ansiedelten, weil sich ganz in der Nähe ein antiker Ort (palia chora = altes Land) befand.

DIE GESCHICHTE DES KASTELLS

1210 wird ganz Kreta von den Venezianern unterworfen, mit Chandaka (Iraklion) als Hauptstadt. Es war nur natürlich, daß sie sich direkt mit der Befestigung der "Megalonissos" (der großen Insel) beschäftigt und die Küsten hauptsächlich gegen jegliche feindlichen und räuberischen Überfälle absicherten. Den alten Burganlagen fügten sich neue hinzu und setzten unter Aufsicht von Aufsehern, den sogenannten Kastellanen, Wächter ein. Nach diesen kleinen Befestigungen wurden auch die Kastellanien, d.h. die Provinzen der Insel genannt, deren Namen bis heute erhalten sind, z.B. Mirabello, Malewisi, Monofazi, Kenurion, Pirjotissa, Selino usw. Das kretische Volk hat sich diesen europäischen Eroberern nicht ohne zurückzuschlagen, nicht kampflos, gestellt. Von Zeit zu Zeit gab es einige lokale Aufstände, die das Werk der Venezier beträchtlich erschwerten. Da wir uns allerdings auf die Gegebenheiten unseres Bezirks und vorallem Paleochoras beschränken und uns ausschließlich mit der hiesigen Geschichte beschäftigen, möchte ich nur erwähnen, daß der Aufstand der "Chortatsis" (1273 - 77) in Chandaka, dem heutigen Heraklion, vorausging. Nach der Niederschlagung dieser ernstzunehmenden Revolte, befestigten die Venezier einige wesentliche Küstenorte der Insel, und zu dieser Zeit erbauten sie auch die Burg, von der hier die Rede ist, die sie dann zum Zentrum und Stützpunkt "gegen die Widerstände und Revolten der Einheimischen", wie der Historiker Was. Psilakis meint, machten. In früherer Zeit, d.h. bevor das Kastell erbaut wurde, wurde unser Bezirk ORINA (gebirgig) genannt und entsprechende Wörter findet man heute in den venezianischen Schriften, G. Gerola, Professor für ventzianische Geschichte, zufolge: Orna, Arna, Narna. Ich glaube, dieses Wort triffl auf die Bodenbeschaffenheit gut zu und kommt der Realität außerordentlich nahe. Die bergige und zerklüftete Landschaft Süd-West Kretas war für die Venezier "Suli und Mani" (Zwei ebenfalls schwer einnehmbare Berggegenden auf dem Festland und dem Pelepones). Die aufständigen und mutigen Bewohner dieses Gebietes wurden auch nach der Zerschlagung des Aufstandes der Chortatsis nicht friedlicher. Überhaupt wurde die venezianische Herrschaft in den bergigen und abgelegenen Gebieten (Kissamo-Orina) nicht sehr akzeptiert, denn an allen Revolten nahmen die Einwohner dieser Orte aktiv teil und blieben auch aufständig, nachdem das übrige Kreta wieder friedlich war (Stef. Xanthoudidis, Geschichtsprofessor). Aus diesem Grund richteten die Venezier ihr Augenmerk und ihr Handeln auf diesen Teil, und nachdem sie ihn mit Gewalt unterworfen hatten, erbauten sie 1280-1282 das sog. Selino. Dieser Name ist offensichtlich der Namen der Stelle, an der sie die Burg erbauten. Gewöhnlich übernahmen die Venezier die einheimischen Ortsbezeichnungen, statt eine Festung, ein Dorf, eine Siedlung oder gar eine Stadt umzubenennen. In diesem Kastell setzten sie den Wächter und Kastellano (Aufseher) ein, um die kriegerischen und aufständischen Einwohner der Gegend zu beaufsichtigen und leichter unter Kontrolle zu halten. Nach dem Kastell (Burg) wurde später der ganze Bezirk benannt, Selino. Man darf auch nicht vergessen, daß an diesen Zwischenfällen, außer diesen beiden Bezirken auch andere weiter entfernte Teile der Insel, wie Anapolis und Sfakia, teilhatten; sie mußten aber am Ende für ihre Initiative Geiseln überlassen. So waren sie gezwungen, ihre Aktivitäten nur auf ihre Gegend zu beschränken. Der Venezier Dukas Marinos Gradenillios kam 1277 als hoher Beamter mit 3 Kriegsschiffen - die Seemacht Venedigs war sehr stark - nach Kreta, ausgestattet mit Proviant und einem gut ausgebildeten Heer. Die Burg wurde im Norden der Akropolis (Felserhöhung) auf dem südlich von Paleochora gelegenen Ausläufer erbaut. Bei seiner ersten Erbauung hatte sie eine riesige Flächenausdehnung. Sie war viereckig, aber asymmetrisch, und die längste Seite betrug mehr als 200 m, wie man sowohl auf der Gravur von R. Monanni aus dem Jahre 1631 sehen kann, als auch auf der Gravur des Reisenden Papper aus dem Jahr 1702. Der Wall, der sie umgab, war 9 m hoch, mit 2 Türmen zur Südseite hin und einem größeren in Richtung Norden. Die Wallmauern wiesen der Länge nach Stellungen und Schießarten für Gewehre und Kanonen auf. Im Inneren befanden sich die üblichen Armeebauten, feste Behausungen für die Offiziere, die notwendige Kirche, Waffenlager und eine Zisterne für das Wasser. Die Vertiefung (Brunnen), die es noch heute in der Mitte des ehemaligen Burghofes gibt, wurde von den Veneziern aller Wahrscheinlichkeit nach als Getreidespeicher genutzt. Von diesem ehemals so großartigen Bau sind heute nur noch eine 35 m lange Mauer auf der Nordseite übrig, mit venezianischen Schießscharten, die erst kürzlich von der Gemeinde Paleochoras wiederaufgebaut wurde. Es sind auch noch an verschiedenen Stellen, im Umkreis der alten Anlagen, Ruinen erhalten, und die Grundmauern dieser alten, riesigen Burg. Nach Marino Gradenigo wurde Wlasios Tsenos zum Kommisar von Kreta benannt. Zu dieser Zeit startete 1332 Alexios Kallergis einen wilden Aufstand auf der Insel. In unserem Gebiet wurde dieser Aufstand von Warda Kallergi weitergeführt. An ihm nahmen 5000 Sfakioten, "Risiten" (vom Fluß der "Madares"-Berge), Kissamiten und viele Selinobewohner teil. Die Bewohner dieser Gebiete waren sehr unzufrieden mit dem Eroberer und verbittert, denn der Herzog erlegte den Christen eine zusätzliche, harte Steuer auf, um in seinem Einzugsbereich eine sichere und wirksame Verteidigung zu erreichen und um sich in diesem Amt zu halten. Die ungerechte Steuereintreibung allerdings und der Mißbrauch durch die zuständigen Beamten führten verständlicherweise zu Aufständen und Unruhen in vielen Teilen der Insel, darunter auch unserer Gegend. Viele Historiker aber sind der Meinung, daß der Aufstand mehrere und tiefere Gründe hatte. Wardas Kallergis also, späterhin Nachfolger des Alexios, schaffle es nach einem mutigen und gut organisierten Anschlag, das Kastell Selino einzunehmen und sowohl den Oberbefehlshaber Ermolao Welenio rnit seiner Familie, als auch dessen kleine Garde zu töten. Kallergis, der der echtesten, treusten aber auch einflußreichsten Familie Kretas angehörte, wurde während dieser Unruhen ermordet. Die Venezier köpften ihn und schickten seinen Kopf ihrem Anführer, dem Herzog. Wir sehen also, daß die Unterdrückung durch den Feind, die Ermordung und ganz allgemein die ungerechte Behandlung, vor allem der Bewohner der Berggebiete, unmenschlich waren. Nach vielen Protesten und nachdem die Venezier sahen, daß die Bewohner der abgelegenen Gegenden nicht nachgaben und sich nicht leicht auf einen Kopromiß einließen, hörten sie endlich auf, harte Steuern und Strafen aufzuerlegen. Die Zentralregierung sah sich gezwungen, ein diesbezügliches Verbotsschreiben an die Kastellane dieser Gebiete zu veröffentlichen. Somit beruhigte sich die Lage in unserer Provinz weitgehend, und da fand Venedig Gelegenheit im Jahre 1334 nicht nur die Burg, sondern auch die gesamte Siedlung um sie herum, wiederaufzubauen. Die Siedlung ist unter dem Namen Burgos (Bourgo) bekannt und deckte sowohl die Bedürfnisse der Burg als auch die der Arbeiter, der Händler und der verschiedenen Berufe der Ortschaft. Heute würde man sagen, es war die erste Siedlung von Paleochora. Jahre und Jahrzehnte vergingen, aber das Schicksal hielt leider neue Leiden und neues Unheil bereit. Ein neuer Feind, diesmal aus einer anderen Richtung, dem Osten, trat langsam in Erscheinung. "Die Stadt wurde erobert?' (Konstantin Paleologos sprach 1453 eben diese Worte7 als die Türken die Stadt einnahmen), Chandakas wurde 1523 von der Pest verwüstet - 26.000 Tote. Dem ging am 29.5.1508 ein starkes Erdbeben mit 30.000 Toten voraus. Kreta wird erschüttert! Die Gefahr nähert sich; die erste Siedlung verfällt langsam, die Häuser stürzen nach und nach ein, das Gebiet verödet, und oft wird die Gegend zum Ziel und Opfer wilder und oft unorganisierter Überfälle. 1539 zerstörte sie der algerische Pirat Chairedin Barbarossa in einem Angriff, und es war nicht leicht, die ehemalige Glorie wiederzuerlangen. 1595 baute sie der Adelige von Chania, Benetto Dolfin, erneut auf; sie konnte aber den feindliche Einfällen nicht Stand halten. Bevor wir uns ausführlich mit der Geschichte der Festung zur Zeit der Türkenherrschaft beschäftigen, muß man noch erwähnen, daß die wilde Bodenerhebung, auf der diese erbaut wurde, sie von Weitem tatsächlich wie eine Insel erscheinen läßt. Es ist belegt, daß sich dieser Ort seit der Zeit der allerersten Beschreibungen dieser Halbinsel von antiken Schriftstellern gegen 20 Fuß, also 6 Meter erhöht hat (Erhöhung des westlichen Kretas). Demzufolge ist es vielleicht wahr? daß die Venezier die Möglichkeit hatten, die Gewässer der Ost- und Westbucht miteinander zu verbinden, mit Hilfe eines Grabens wahrscheinlich, die Burg nach Wunsch abschneiden konnten und so wirksam den Angriffen von Türken und Griechen standhalten konnten. Den Türken ihrerseits gelingt es, sich früh im Jahre 1645 im ganzen Kreis Chanias auszubreiten. Nachdem sie sich so ziemlich in diesem Teil in Sicherheit wähnten, d.h. nach genau 8 Jahren, greifen sie vom Land und vom Wasser her die seliniotische Burg an und schaffen es, sie zu erobern. Auch für sie war nicht so sehr die schon verfallenen Festung von Bedeutung, als ihre wichtige Lage, die wesentlich zur Absicherung und Vorherrschaft in diesem Gebiet beitrug. Sie finden also, anfangs provisorisch, mit der Ausbesserung an. Sie nützten die Räumlichkeiten, die unzerstört geblieben waren, für ihre eigenen Bedürfnisse. Sie machten z.B. den Getreidespeicher der Venezier zu einer Zisterne. Da sie ja viele Jahre dort blieben, bot sich später die Gelegenheit für Erweiterungen und Veränderungen. Nach dem uns bekannten Aufstand von 1866-69 erbauten die Türken an die Festungsanlagen, von denen hier die Rede ist, einen militärischen Turm an, wie sie es zu tun pflegten. Sie errichteten noch andere Anlagen und bauten viele Gewölbe (Kumos). Man sagt, daß in 20 diesen gewölbten Erdwällen Kriegsmaterial gelagert wurde, es waren also wie man heute sagen würde, Lagerhallen für Kampfmaterial, wie Dynamit, Waffen usw. - All das oben Genannte ist mit dem Verstreichen der Jahre und unter dem Einfluß der Naturgewalten wie Regen, Winde, Erdbeben u.a. verfallen, ist heute nicht mehr erhalten. - Einfallsreichtum bewies der Feind auch auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung. Der hohe Turm, auf dessen Spitze, wie man auf der Gravur sieht, die türkische Flagge weht, bot neben seinen anderen Diensten eine ausgezeichnete Überwachungsmöglichkeit. Ebenfalls gegen die Südseite des Kastells hin erstellten die Türken, die bei uns bislang unbekannte "Fryktoria", d.h. einen Schornstein und ein flammendes Feuer, mit denen die Türken Signalzeichen zu den anderen Wachposten hin senden konnten, da immer die Gefahr eines plötzlichen Piratenüberfalls bestand. Natürlich unterhielten die Türken diese Festung, bis die Zeit kam, wo sie unsere Gebiete verließen, im Jahr 1897. Danach vergingen noch 16 Jahre, bis Kreta offiziell befreit und mit dem übrigen Griechenland vereint wurde. In dieser ganzen Zeit und noch 30 Jahre darüber hinaus bleibt die Festung zwar unbesetzt, aber auch ohne jegliche Bestimmung. Sie ruht sich gleichgültig 21diesen gewölbten Erdwällen Kriegsmaterial gelagert wurde, es waren also wie man heute sagen würde, Lagerhallen für Kampfmaterial, wie Dynamit, Waffen usw. - All das oben Genannte ist mit dem Verstreichen der Jahre und unter dem Einfluß der Naturgewalten wie Regen, Winde, Erdbeben u.a. verfallen, ist heute nicht mehr erhalten. - Einfallsreichtum bewies der Feind auch auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung. Der hohe Turm, auf dessen Spitze, wie man auf der Gravur sieht, die türkische Flagge weht, bot neben seinen anderen Diensten eine ausgezeichnete Überwachungsmöglichkeit. Ebenfalls gegen die Südseite des Kastells hin erstellten die Türken, die bei uns bislang unbekannte "Fryktoria", d.h. einen Schornstein und ein flammendes Feuer, mit denen die Türken Signalzeichen zu den anderen Wachposten hin senden konnten, da immer die Gefahr eines plötzlichen Piratenüberfalls bestand. Natürlich unterhielten die Türken diese Festung, bis die Zeit kam, wo sie unsere Gebiete verließen, im Jahr 1897. Danach vergingen noch 16 Jahre, bis Kreta offiziell befreit und mit dem übrigen Griechenland vereint wurde. In dieser ganzen Zeit und noch 30 Jahre darüber hinaus bleibt die Festung zwar unbesetzt, aber auch ohne jegliche Bestimmung. Sie ruht sich gleichgültig aus, denn sie weiß, daß neue Strapazen, erneute Abenteuer folgen werden, deren Schauplatz wieder die gleichen Örtlichkeiten sein werden, d.h. dort, wo über viele Jahrzehnte hinweg 2 feindliche Fahnen Unterordnung, Arbeit Sklaverei bedeuten. Am gleichen Mast wird wenig später die deutsche Flagge gehißt. So gehört also 1941 das Kastell, wie damals gewöhnlich von den Paleochoranern genannt wird, nun den Deutschen. Schon sehr früh erkannten die ihrerseits seine wichtige strategische Lage. Daher nutzten sie diesen Ort, genau wie die vorherigen Eroberer, hauptsächlich zur Überwachung der hiesigen Südküste. Während der gesamten Dauer der deutschen Besatzungszeit spielte die Festung und das Land, das sie umgibt, eine bedeutsame Rolle in den Plänen und Zukunftsphantastereien der deutschen Eroberer. Nachdem Deutschland General Rommel nach Lybien ausschickte, mit dem Ziel, Ägypten einzunehmen, begann Paleochora eine entscheidende, strategische Rolle an der Südküste Kretas zu spielen. Ende 1'941 begannen die Deutschen, jetzt systematisch, mit der Befestigung und ganz allgemein mit der Erschließung des ganzen Gebietes um die "Fortezza", wie die Italiener zu sagen pflegten. Sie zwangen nun die Bewohner, und nicht nur die von Paleochora (entsprechende Listen waren zu erstellen), sondern auch der übrigen Gemeinden der Provinz, sich jeden Tag, über einen langen Zeitraum hinweg, an diesem Ort einzufinden. Verpflichtet zur Zwangsarbeit waren alle von 16-70 Jahren, für 10-15 Tage, bis sie ein zweites Mal wieder an der Reihe waren. Wie oft eine Wiederholung stattfand, entsprach dem Bedarf, d.h. der Anzahl, die gebraucht wurde oder die sie zur Beschleunigung der Bauwerke festsetzten. Die Zahl der Arbeiter betrug etwa 200 täglich. Sich zu widersetzen zog fürchterliche Folgen und Auflagen nach sich: Wenn man z.B. aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte, war man gezwungen, sich direkt von jemandem mit persönlicher Haftung ersetzen zu lassen. Auch das Ausbleiben einer Person zog eine harte Strafe, die Abgabe einer großen Menge an Naturalien, nach sich und am Ende die Beschlagnahmung des Besitzes oder gar die Zerstörung oder Sprengung des Hauses. Die Wachsoldaten gingen äußerst grob mit den hungrigen, gepeinigten Sklaven um, die diese zu harten körperlichen Arbeiten zwangen. Wie sollte das Alles auch nicht geschehen, wo doch jeder deutsche Soldat ungestraft brandstiften und töten, Tiere und Ernte stehlen, jegliches Haus mit Möblierung beschlagnahmen, Zwangsarbeit auferlegen und Massenstrafen erlassen konnte. Die neue deutsche Festung hatte nur ein Tor, das immer bewacht war und nachts geschlossen wurde. Um den Hügel herum waren 6 Luftabwehrgeschütze aufgestellt, und um die Lufthoheit zu kontrollieren, hatten sie ein für die damalige Zeit modernes Radargerät installiert, das die Einwohner zu Recht "Schwarzen Teufel" nannten. Es war 40 m hoch. Im Innern dienten aus Stein gebaute Falltüren zur Lagerung von Kampfmaterial, es gab auch unterirdische Bunker und viele Maschinengewehrstellungen. Natürlich stellt sich die Frage, ob wir nicht auch aus diesem ganzen Aufwand und der Mühe der Deutschen, das Selino Kastell so perfekt auf unsere Kosten zu befestigen, in dem sie tagtäglich so viele Menschen zwangen, ihnen zu dienen und für sie Zwangsarbeit zu leisten, einen Nutzen zogen. Natürlich konnten wir das! Das tägliche Sammeln der Männer, hauptsächlich aus dem Bereich Selino, am immer gleichen Platz, bot die Gelegenheit zu geheimen Verständigungen. So konnten sie sich z.B. zu einer wirkungsvollen Widerstandsbewegung organisieren! Sie waren ziemlich erfolgreich! Anfangs starteten sie kleine Sabotageakte, vereinzelt oder in Gruppen. Nützliche Informationen wurden geheim zum Wachpunkt in den "Madares' und von dort in den Mittleren Osten weitergeleitet. Die Deutschen begannen unruhig zu werden. Sie hasteten einmal hierhin, einmal dorthin, um die telefonischen Verbindungen wieder herzustellen, da der "unsichtbare Feind" die Drähte ständig durchschnitt. Das Ertönen der Sirene wegen einer Explosion oder Sprengung unterbrach ihre Mahlzeiten! "Der Grieche wird nicht zum Sklaven" Wir müssen auch unsere Alliierten, den Engländern, Australiern und Neuseeländern ein paar Worte widmen, die uns während der Besatzungszeit so sehr zur Seite standen! ....Die Seite an Seite mit den Kretern kämpften. Sie sicherten uns nicht nur wichtiges Wissen und Führung, sondern auch die Möglichkeiten der Kommunikation (Funk, Radio usw.), die für uns bis dahin fast unbekannt waren. Ihr Verdienst war so groß, und dementsprechend auch die Liebe, die wir für sie hegten, daß es nicht übertrieben ist zu behaupten, daß sie die geehrten Personen, die angesehensten Gäste in allen Häusern unserer Gegend waren. Die Angst war freilich groß, der Tod sicher, aber wie dem auch sei, die traditionelle Gastfreundschaft wurde aufrechterhalten, galt sogar plötzlich als patriotische Pflicht! und umarmte jeden Mitstreiter, jeden Menschen, der beitragen kann zum Kampf, der schon begonnen hatte. Heute wird der Schauplatz nicht sonderlich genutzt. Der Besucher kann leicht die Richtigkeit der historischen Angaben überprüfen und mit Hilfe seines Gedächtnisses, der Rückerinnerung und seiner Phantasie die ganze Glorie und Größe dieses verlassenen Ortes nochmals durchleben. Seitdem hat sich das geharnischte, kriegerische Aussehen der Burg sicher verändert; die friedliche, gar nicht kriegerische Atmosphäre, die in den Friedenszeiten, die danach kamen, herrschte, hat sich dort überall ausgebreitet. Beeindruckend ist jetzt die Sicht, die man von überall auf der Fortezza hat. Die meeresumkämpfte Südküste, von der Landzunge "Krios" (im Westen) bis zur "Messara" (im Osten), die ein wildes, aber großartiges Werk der Natur ist, erstreckt sich vor dem Auge des Betrachters. Das Meer peitscht in seiner Wut unbarmherzig die ihm ausgesetzten Felsen. Es brüllt der venezianische Löwe aus den Ruinen des Kastells. Das Brüllen und die entsprechenden Botschaften tragen die wilden Wellen davon; oft werden sie der einst so reizvollen und mächtigen Seemacht überbracht. Im Jahr 1940 wurde die Festung unter historischen Denkmalschutz gestellt.

DIE ZEIT DER TÜRKENHERRSCHAFT

DIE ZEIT DER TÜRKENHERRSCHAFT (1645 1913) In den ersten Jahren der Türkenherrschaft war Paleochora eine unbedeutende Siedlung, in der die wenigen Bewohner ihre Häuser in der Nähe der venezianischen Festung erbaut hatten. Dort, in der Nähe, stand auch eine kleine Kirche, die "Marienkirche?'. Nach dem Jahr 1914wurde am gleichen Platz die heilige Kirche "Maria Verkündigung" gebaut, die noch heute Hauptkirche des Ortes ist. In den letzten fünf Jahren wurde die Kirche nicht nur restauriert, sondern auch verbreitert, so daß sie den Bedürfnissen unserer Zeit gerecht wird. Im Gebiet verstreut gab es noch sieben andere Kapellen, von denen die meisten erhalten sind, natürlich renoviert von den nächsten lebenden Anwohnern. Es muß erwähnt werden, daß diese Kirchlein keine byzantinischen Züge aufweisen, im Gegensatz zu vielen Kirchen, die man in anderen Ortschaften der Gemeinde Paleochoras antreffen kann. Zurück zur Beschreibung der Fläche, die das heutige Paleochora einnimmt, möchte ich ein paar typische Bauten aus der Zeit der Türkenherrschaft erwähnen, die noch oft Gesprächsgegenstand der heutigen Einwohner sind. Im Zentrum des Ortes, an der Kreuzung seiner zwei heutigen Hauptstraßen, genauer gesagt dort, wo sich heute die CafeBar "Coconuts" befindet, war das "Hohe Kafenes" (Ontas). Man könnte sagen, das aristokratische Cafe des Dorfes. Dieses besuchten oft die Türken und Standespersonen des Ortes, um Kaffee zu trinken und über verschiedene Themen zu sprechen, die sie beschäftigten. Unvergeßlich bleibt den alten Bewohnern von Paleochora "Der Treffpunkt der Gavioten" im Gedächtnis. Das war eine Art provisorische Unterkunft. Hier trafen die Gavdosreisenden müde und erschöpft ein, nach einer vielstündigen und oft gefährlichen Seereise, mit kleinen, urigen Booten aus Zedernholz, die in den provisorischen und ärmlichen Werften der Insel zusammengezimmert worden waren. Die Anreise der Inselbewohner nach Paleochora hatte den Zweck des Verkaufs der wenigen Erzeugnisse, die die Insel mit viel Mühe abwarf. Hauptsächlich Frauen kamen auch, um auf den Ländereien der näheren Umgebung zu arbeiten, wo sie sich in den Olivenhainen das Jahresöl sichern konnten. Dieses wesentliche Erzeugnis fehlte auf ihrer Insel. Aber auch die Männer standen in diesem Kampf ums Überleben oder der Verbesserung ihrer finanziellen Einkünfte nicht nach. Gewöhnlich arbeiteten sie bei den gleichen Familien wie ihre Frauen und kümmerten slch um den Feldanbau, die Aussaat, sie hüteten Tiere, arbeiteten in den Olfabriken oder verrichteten andere entsprechende Arbeiten jener Zeit. Häufig blieben diese mittellosen Inselbewohner für etliche Jahre in den wohlhabenden Häusern, als mit zur Familie gehörend. Dieses Aufbäumen, mit der täglichen schweren Arbeit und den Bemühungen, gab ihnen nach und nach die Möglichkeit, ihre eigene Hütte zu bauen und ganz in Paleochora zu bleiben. So nahmen sie allmählich Abstand vom "Jeniko" (der provisorischen Unterkunft) und bauten ihr eigenes Viertel "Gaviotika". Kleine, ärmliche, niedrige Häuser, eins neben dem anderen, genau gegenüber von ihrer Insel, im Osten von Paleochora, damit sie neben der gefühlsmäßigen Bindung nicht auch noch den Blickkontakt zur Muttererde einbüßen müßten. Alles war schwer zu jener Zeit. Viele beschreiben noch die Wasserversorgung von Paleochora. Im Dorfzentrum, dort wo heute das Gemeindeamt steht, befand sich ein Brunnen, aus dem die Einwohner ihr Wasser entnahmen. Oft unterbrach der Schirocco in den Wintermonaten die Wasserversorgung, weil die Wellen bis dorthin gelangten. So lange die Türkenherrschaft dauerte, war der Ort nie frei von Mühsal ,Verfolgung, Abschätzung und überhaupt von allem, was im Bereich des Wortes Arbeit liegt. Der Agha Asis-Kauris mit seinen Söhnen ist den Christen unserer Gegend deutlich in Erinnerung geblieben. Berühmter und berüchtigter "Jennitsaros" (= Grieche, der von klein auf zum Islam gezwungen und kriegerisch ausgebildet wurde. Er war der schlimmste Feind der eigenen Heimat), bekannt nicht nur für die Gewalt, die er bei Christen der umliegenden Dörfer, wie Asogires (sein Sitz), Anidri und genug anderen Dörfern und Weilern des Kakodiki-Tales anwandt, sondern noch berüchtigter und schrecklicher für sein ehr- und moralloses Verhalten. Ihm gelang es, eine große Anzahl von Mädchen zu verführen, wobei er noch nicht einmal vor den ottomanischen Töchtern haltmachte. Das war allerdings auch der Grund, warum er von einem Albaner, auf Befehl des Mustafa Pascha, getötet wurde. Für die Türkendörfer der Gegend, in denen natürlich das türkische Element vorherrschte, war das religiöse Zentrum das Dorf Spaniakos. Nach dem Aufstand des "Daskalojannis" zwangen ansässige "Jennitsari" die Bewohner dieses Dorfes, zum Islam überzutreten, und eine Zeitlang wurde es nur von Türken bewohnt. Damals, um Jahr 1670 wurde dort, wo heute die Schule des Dorfes steht, die größte Moschee Kretas erbaut, mit ihrer tarchitektonisch eigentümlichen, arabischen Form", wie so trefflich erwähnt wird. Während des Aufstandes von 1897 wurde die Moschee von den Widerstandskämpfern dem Erdboden gleichgemacht. Türme an den höchsten Punkten der Gegend, in den obengenannten Dörfern, sicherten den türkischen Eroberern den Kontakt miteinander. Nur die naheliegenden Dörfer Kalamos, Vlithias und Spaniakos unterstanden, wie viele behaupten, nicht der Rechtsgebung des Kauri Aghas, da sie Lehnsgüter des Waffenführers Kantanoleon waren. In Vlithias stand auch der sogenannte "Turm des Kantanoli". Die Jahre vergingen, die schweren Jahre der Sklaverei verflossen, die Sonne ging langsam auf, und die letzte Revolution von 1896-97 rechtfertigte irgendwie die Leidenschaft und das Ersehnen der vielgeplagten Christen unserer Gegend. Diese Revolution war natürlich nicht die einzige, aber bezeichnend für unsere Gegend hier. Die Türkendörfer werden immer leerer, und die Türken sammeln sich in den größeren Orten, an denen es den Schutztruppen leichter war, ihnen zur Flucht zu verhelfen und sie zu retten. In unserer Gegend war der Aufstand des Kantanoleon (1570) vorangegangen, dessen Geburtsdorf Koustojerako war. Während dieser Revolte konnten viele alte, kleine Wachposten, wie die von Kissamos, Sfakia und Selino von den Aufständigen eingenommen werden. Dort fand man große Mengen an Waffenmaterial, Nahrungsmitteln, Waffen und Kleidung vor. Aus unserer Festung fielen ihnen 4 große Kanonen zu, die später bei der Belagerung von Chania eingesetzt wurden. Da es um die Unruhen in der weiteren Umgebung von Paleochora geht, die zum Ziel die Vertreibung der türkischen Eroberer hatten, muß auch die Geschichte des legendären Schiffes "Arkadi" erwähnt werden. An der Westseite unseres Ortes versuchte dieses so bedeutsame Schiff, tdessen Boden die Wellen, dessen Dach der Himmel, dessen Geschwindigkeit das Feuer und dessen Atem der Rauch war" der Revolte von 1866 zu dienen. Bei einem dieser Versuche, konkret der 23sten Fahrt unter dem Kapitän namens Kourendis, mußte es sich mit einem viel größeren und überlegeneren türkischen Schiff, der "Hsedin", messen. Um genauer zu sein, lief dieses Schiff im August 1867 Agia Roumeli an, um Kriegsmaterial zu entladen und freiwillige Kämpfer, sowie auch viele Familien aufzunehmen. Leider entdeckten es dort 3 türkische Kriegsschiffe und schlugen es in die Flucht. Der Kommandant Kourendis mußte gezwungenermaßen Paleochora, dem er sich eben näherte, anlaufen. Der in die Geschichte eingegangene Kriaris sagt uns wörtlich:" Die Besatzung und die sich an Bord befindenen Frauen und Kinder konnten dem sicheren Tod entkommen." Die gefährlichen Aktionen des Schiffes und seine siegreichen Gefechte mit feindlichen Schiffen waren häufig in vielen Teilen der Inselwelt unseres Landes bekannt. Auf Syros erschienen in einer Zeitschrift diese Zeilen: "Wo bist du und erscheinst nicht, stolze Arkadi? Der Mittag ist vorbei, der Abend naht und noch immer tauchen nicht deine schneeweißen Segel auf. Bist du vielleicht auf Kreta geblieben, zusammen mit deinen Kindern? Kämpfst du vielleicht gegen die Bora (starker Nordwind), spielst du vielleicht bei Windstille? Ach! Eine Nachricht bitter und schrecklich wurde uns überbracht, und wir hasten wegen dir verbittert zum Ufer". Um auf die Beschreibung des letzten Aufstandes der Kreter zurückzukommen, erninnern wir daran, daß als letzter Oberbefehlshaber und Kommandant auf Kreta Ende 1896 Werowitsch Paschas eingesetzt wurde. Seine Strenge und despotische Art der Amtsführung auf unserer Insel waren der Grund, daß sich die Dinge verschlimmerten. Die lokalen Unruhen und Ermordungen hier im Kreis nahmen zu. Das türkische Reich bricht zusammen und die Großmächte verfolgen besorgt die Entwicklung der Dinge. Nach dem Aufstand von 1895 organisiert sich Kreta. Die Türken treffen die Entscheidung des Abzugs. Allerdings löste die Nachricht vom Abzug der Türken nicht nur Erleichterung aus, sondern verstärkte gleichzeitig den Haß der Einwohner so sehr, daß sie zur Rache vorschritten - ein letztes Mal und auf jede erdenkliche Art und Weise. Hier kommt es zur berühmten Schlacht von Sarakina. Auslöser war folgendes: Die Türken verließen das Dorf, um nach Paleochora zu gelangen und trafen dabei weiter unten in der Schlucht auf eine große Anzahl von Christen, aus verschiedenen umliegenden Dörfern, die aufgebracht und gefechtsbereit waren. Grund solcher Feldzüge war nicht nur die Rache, sondern auch das Ansammeln von Beute, um die Grundbedürfnisse abzudecken. Einer von ihnen verlangte mutig das Gewehr, das ein Türkenkind herausfordernd hielt. Da es sich allerdings weigerte zu gehorchen, brachte er es um. Das gab den Ausschlag zu einer fürchterlichen Schlacht, bei der, wie es heißt. kein Türke davongekommen sein soll. Alte Leute aus dieser Gegend erzählen, daß Hunde tagelang die Leichen zerrissen und Teile der getöteten Körper in den Höfen verschiedener Häuser und auf unbebauten Feldern zurückließen. In der Zwischenzeit waren 4 Schiffe von türkischen Alliierten in der Westbucht von Paleochora angekommen, von denen Soldaten an Land gingen und die, die sich im Kastell versammelt hatten abholten, um sie vor der gerechten Strafe der Christen zu retten. Hiermit kommen wir zum Ende der langjährigen Besatzung von Kreta durch die Türken (1669-1913). In der ganzen Provinz Selino lebten im Jahr 1834 500 christliche und 451 mohamedanische Familien.